Monatsspruch Dezember 2017

 

 

 

 

 

 

 

Novemberpogrom"

Heute vor 80 Jahren war ein schlimmer Tag. Es war zunächst ein ganz normaler Wochen- und Arbeitstag. Für die Kinder war es zunächst auch ein ganz normaler Schultag. Doch dann wurden sie von ihren Lehrern aufgefordert, ihre Klassenzimmer zu verlassen und aus der Schule hinauszugehen. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich über diese Unterbrechung des Lernalltags zunächst gefreut haben. Das Ziel ihres kleinen Ausflugs war der Mosbacher Marktplatz. Dort angekommen, konnten sie mitten auf dem Platz einen großen Scheiterhaufen  sehen. Er war wohl in den Stunden zuvor von Erwachsenen errichtet worden. Da lagen Stühle und verschiedene Möbelstücke ungeordnet übereinander. Darüber waren weiße Papierbahnen entrollt, die im Wind flatterten. Ein damals beteiligter Schüler erzählte mir vor einigen Jahren, wie verwirrend für ihn und viele andere Kinder der Anblick war. Sie sind doch von ihren Eltern und Lehrern  zur Achtung vor anderen Menschen erzogen worden. Auch darf man nicht mutwillig den Besitz anderer Menschen kaputt machen.

Und jetzt sind hier Möbel und Schriftrollen aus dem Gotteshaus der Mosbacher jüdischen Glaubens am helllichten Tag mitten auf dem Marktplatz aufgetürmt und sie stehen im nächsten Moment in Flammen.

Das schlimme Geschehen heute vor 80 Jahren auf dem Mosbacher Marktplatz ist gut dokumentiert: Ein Fotograf hat aus dem Rathausturm heraus die gespenstische Szene fotografiert. Das Bild ist sogar in Berlin zu sehen. In der Ausstellung "Topographie des Terrors“ wird es als Beispielbild für den Novemberpogrom in Deutschland gezeigt.

Wie konnte das geschehen? Wie konnten die Mosbacher christlichen Glaubens zulassen, dass mit den Schriftrollen aus der Synagoge auch Teile ihrer heiligen Schrift in Flammen aufgingen? Hatte auch der christliche Antijudaismus, der über Jahrhunderte praktiziert wurde, den Nährboden für den im 19. Jahrhundert aufkommenden Antisemitismus gebildet?

 

Die am 10. November 1938 auf den Marktplatz beorderten Schüler  waren verwirrt. Die Erwachsenen, die das Unrecht erkannten, das sich da vor ihren Augen abspielte, waren vermutlich zu wenig mutig, dem bösen Treiben Einhalt zu gebieten.

 

Einige Jahre vorher wurde begonnen, die Deutschen jüdischen Glaubens als Menschen anderer Rasse zu bezeichnen und sie zu Sündenböcken für alles, was in Staat und Politik nicht gut läuft, zu machen. Damals wäre es noch möglich gewesen, ohne Risiko für die eigene Sicherheit für die Würde der jüdischen Mitbürger einzutreten.

Ob wir diese Lektion aus unserer Geschichte gelernt haben: Da wo eine bestimmte Menschengruppe zum Sündenbock gemacht wird, da droht die Überschwemmung der ganzen Gesellschaft mit Unrecht, Leid und Tod.

 

Richard Lallathin

Pfarrer in der Johannes-Diakonie Mosbach

 

 

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2.Mose 19,4

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